Archiv der Kategorie: Tanz Neuigkeiten

Seegang

Seegang

Ich habe eine Woche auf einem Schiff verbracht. Ich werde nie seekrank, habe von der Umstellung für meinen Körper auf dem Meer kaum etwas gemerkt. Nun bin ich zu Hause und am zweiten Tag schaukelt mein Körper immer noch wie auf Seegang. Ich gehe durch die Fußgängerzone und fühle mich, als würde ich über Deck gehen, das Deck schwankt. Ich lege mich auf den Boden, um eine Tanzübung zu machen. Ich brauche mich nicht zu bewegen, denn die Wellen schwappen durch meinen Körper – von den Zehen hoch zum Kopf, von einer Seite zur anderen. Mein Atem führt mich zu meinem Kreuzbein und es verbindet sich mit einem Felsen am Meeresgrund. Der Rest von mir wird zur Seepflanze und bewegt sich mit den Strömungen… Ich brauche nichts zu tun, mein Körper weiß, wie er sich „reorganisiert“.

Eine neue Körpererfahrung und „Erdung mal anders“…

Körperwahrnehmung, Kreativität und Überraschung

Körperwahrnehmung, Kreativität und Überraschung

Für mich ist das Faszinierende an Körperwahrnehmung und Kreativität die Überraschung. Egal, ob es um Pädagogik, Therapie oder „pure Kunst“ (und diese Unterscheidungen sind wohl sowieso mehr als zweifelhaft…) geht – wenn ich mich in den Strom begebe, die „Dinge geschehen zu lassen“, dann kann ich nie vorhersehen, welche Bewegungen kommen, welche Lösungen entstehen…ich schaue das Bild an, dass ich gemalt habe, ich bin einfach den Bewegungen des Pinsels gefolgt und bin erstaunt, in welchem Winkel meines Unbewussten wohl dieses Bild gesteckt hat. Ich habe einen Moment die Ebene des Denkens, Planens, schon Wissens und Wertens verlassen und mich einfach auf das Sein eingelassen – eigentlich eine Meditation ohne Ziel. Auch in der Therapie: Da ist z.B. gefühlte Enge, Druck, Not im Solarplexus – im Spüren kommen vielleicht nach dem Erleben dieser Starre und Atemlosigkeit wilde Bewegungen, vielleicht ein ein sanftes Strömen, das Erleben der eigenen Lebendigkeit (wo war das unter dem ganzen Elend…), ein Bild von einem in Beton gegossenen Panter oder zunächst von einem Verschluss, dann von einem tiefen See – niemals hätte ich als Therapeutin mir das „ausdenken“ können, es sind eigene Bilder, Wege und Lösungen. Deshalb ermöglicht Körperwahrnehmung und Kreativität den Zugang zu inneren Ressourcen. Statt immer wieder die gleichen Gedanken und Sorgen zu reproduzieren und den Versuch zu machen, mit großer Willenskraft Lösungen herbeizuführen (jedeR kennt das, oder?), lauscht man nach Innen in ein großes Kräftereservoire. Entscheidend ist die Haltung zu spüren und zuzuhören, beiseite zu treten und sich selbst zu folgen. Dann gibt es natürlich Handwerkszeug, um die Kreativität zu locken, den Raum zu öffnen – im Ende bleibt es ein bissen geheimnisvoll…

https://www.artshop-hkit.de/buecher/tanzbuecher-hkit

http://www.michelecassou.com/

Der Weg des Künstlers: http://juliacameronlive.com/books-by-julia/

Das Biodynamische Modell von Gerda Boyesen

Das Biodynamische Modell von Gerda Boyesen

Gerda Boyesen hat aus ihrer Arbeit als Psychotherapeutin und Körpertherapeutin und mit dem Menschenbild von Willhelm Reich, der als Begründer der westlichen körperorientierten Psychotherapie gilt, ein Modell von psychischer Gesundheit und Krankheit entwickelt. In diesem Modell stehen Körper und Psyche in einer engen Wechselwirkung miteinander.Gesundheit wäre, wenn die Lebensenergie im Körper frei fließen kann. Freud nannte die Lebensenergie Libido, Reich Orgon. Ist dies bei einem Menschen möglich, so kann er laut Boyesen seine Primärpersönlichkeit entwickeln bzw. leben. Die Primärpersönlichkeit ist dadurch gekennzeichnet, dass sie Zugang zu den eigenen Gefühlen, Bedürfnissen hat, gut für sich selbst sorgen kann, flexibel ist, dabei anderen freundlich gesonnen, guten Kontakt zu anderen herstellen kann, sich auch abgrenzen und wehren kann, sie ist voller Lebenslust, ist interessiert, spielerisch eingestellt und neugierig, was das Leben noch so bereit hält… Wird eine Kind über längere Zeit darin gebremst sich auszudrücken (und das ist wohl bei den meisten Menschen in der einen oder anderen Form der Fall), entstehen körperliche und psychische Blockaden. Wird z.B. kontinuierlich über eine längere Zeit der Ausdruck von Wut bestraft, entsteht eine sogenannte Sekundärpersönlichkeit. Reich nannte es Muskelpanzer. Blockaden bremsen den Ausdruck und verhindern häufig auch das Bewusstwerden des Gefühls. Wichtig ist auch der Begriff der „körperlichen Neurose“. Freud prägte ja den Begriff Neurose für eine psychische Erkrankung, die durch eineninneren Konflikt, der nicht lösbar erscheint, entsteht. Reich und Boyesen betonen nun, dass die psychische Störung auch immer in Verbindung mit körperlichen Blockaden steht. Neu an Boyesens Modell ist ist vor allem auch die Entdeckung der „Psychoperistaltik“. Freudl (1980, S.1): „Das Anschwellen und Abebben einer jeden Emotion bringt eine weitgefächerte Sequenz physiologischer Veränderungen mit sich, bis hinunter zur mikroskopischen Ebene und einschließlich vasomotorischer Reorganisation („der emotionale Blutkreislauf“). Ist das emotionale Ereignis vorüber, so sollten diese körperlichen Prozesse wieder auf ein normales Niveau zurückgehen – und in einem gesunden Organismus geschieht dies auch. Unter der Voraussetzung, dass die körperlichen Effekte der Emotion aus dem Organismus buchstäblich heraus-“geklärt“ werden, kann man das emotionale Ereignis vollständig überwinden. Nach Gerda Boyesens Theorie spielen die peristaltischen Prozesse der Eingeweide (d.i. Magenknurren und ähnliche Bauchgeräusche) eine entscheidende Rolle in diesem Klärungsprozess. Genauso wie sie eine Rolle im Verdauungsprozess spielen, treten Verdauungsgeräusche, peristaltische Wellen auch als Reaktion auf emotionalen Stress verbundenen organischen Druck auf.“

Therapie nach Boyesen: Gerda Boyesen hat viel auf der Körperebene – häufig mit Massage (meist auf der Faszienebene) aber auch mit Körperübungen und Gespräch gearbeitet. Psychoperistaltische Geräusche leiteten sie durch die Arbeit, da es für sie ein Zeichen war, dass alte emotionale Energie aktualisiert und nun verarbeitet wurde. Dabei arbeitete sie zumindest schließlich „Schicht für Schicht“ (Zwiebelsystem). D.h. nicht provokativ, sondern mit der oberen Schicht des emotionalen „Materials“, dass „bereit“ ist, bearbeitet zu werden. Die Theorie ist die, dass Menschen ein bestimmtes Pensum an Altlasten vertragen können. Arbeitet man an zu tiefen Schichten, kann es sein, dass man von den Emotionen überschwemmt wird und es nicht möglich ist, sie zu verarbeiten, zu integrieren und der Mensch von der Therapie destabilisiert wird. Gerda Boyesen sagte auch, dass sie immer „am Widerstand entlang“ arbeiten würde, also nicht über den Widerstand drüber ginge.

Pert und Gershon: Wissenschaftliche Untermauerung von Boyesens Modell Die Neurobiologin Candace B. Pert, hat erforscht, wie die Botenstoffe an der Entstehung von Gefühlen beteiligt sind. Diese Informationsstoffe des Nervensystems sind nicht nur im Nervensystem zu finden, sondern überall im Gewebe auf der Flüssigkeitsebene. Sie glaubt, Freud wäre begeistert… „Der Körper ist das Unbewusste. Verdrängte Traumen, die durch übermäßig intensive Gefühle verursacht werden, können in einem Körperteil gespeichert werden und dadurch unsere Fähigkeit beeinträchtigen, diesen Teil zu fühlen oder sogar zu bewegen.“ (Pert 2007, S.213) „Unter dem Einfluss von Neuropeptiden ruft unser Körpergeist Gefühle und Verhaltensweisen ab oder unterdrückt sie. …Diese neuesten Entdeckungen zeigen, wie Erinnerungen nicht nur im Gehirn gespeichert werden, sondern auch in einem psychosomatischen Netzwerk, das sich durch den ganzen Körper erstreckt.“ (Pert, 2007, S.217). Diese Worte, die sich lesen, als wären sie von einer Körpertherapeutin geschrieben worden, entstanden als Resumé biologischer Forschung zum Opiatrezeptor (Opiate sind Botenstoffe, die Glück und Euphorie auslösen). Sie entwickelte ja eigentlich ein Modell eines Nervensystems, das den ganzen Körper durchdringt, von einer/m ganzkörperliche/n Psyche oder Geist. Das Konzept des Fließens der Lebensenergie wird durch sie wissenschaftlich untermauert: Die Botenstoffe des Nervensystems, die ja elektrisch geladen sind, bewegen sich über die Flüssigkeitsebene im Körper – die Information des Nervensystems stehen so jedem Körperteil zu Verfügung (da ja über die Faszien-, also die Flüssigkeitsebene alle Systeme, sogar jede Zelle ohne Grenze miteinander verbunden sind). Dies bestätigt die therapeutische Methode von Gerda Boyesen, die hauptsächlich auf der Faszienebene des Körpers gearbeitet hat. Hier gibt es also die Möglichkeit, mit der emotionalen Ebene es Körpers, den besagten Botenstoffen des Nervensystems, zu kommunizieren, bzw. die in Blockaden gebundenen Botenstoffe wieder zu lösen und im emotionalen Kreislauf wieder in Bewegung zu bringen. „Kurzum, ich möchte hier deutlich machen, dass das Gehirn auf molekularer Ebene sehr eng mit dem Rest des Körpers verzahnt ist ist, so eng, dass der Begriff mobiles Gehirn eine treffende Beschreibung des psychosomatischen Netzwerks ist, über das intelligente Information von einem System zum anderen gelangt. Jede Zone, jedes System des Netzwerks – das neurale, hormonale, gastrointestinale und immunologische – ist so beschaffen, dass es durch Peptide und botenspezifische Peptidrezeptoren mit jedem anderen kommunizieren kann. Sekunde für Sekunde findet in unserem Körper ein umfassender Informationsaustauch statt. Stellen wir uns vor, jedes dieser Botensysteme besäße eine spezifische Tonlage, eine Erkennungsmelodie, steigend und fallend, lauter und leiser, gebunden und ungebunden, und stellen wir uns weiter vor, wir könnten diese Körpermusik hören, dann wäre die Summe dieser Klänge die Musik, die wir Gefühle nennen. Gefühle. Die Neuropeptide und Rezeptoren, die biochemischen Stoffe des Gefühls sind, wie ich gesagt habe, die Botenstoffe, die durch Informationsübertragung die großen Körpersysteme zu einer Einheit zusammenschließen, einer Einheit, die wir als Körpergeist bezeichnen können. Also dürfen wir nicht länger so tun, als hätten Gefühle geringere Bedeutung als die konkrete, materielle Substanz. Vielmehr müsse wir sie als Zellsignale begreifen, die an der Übersetzung von Information in physische Realität beteiligt sind – buchstäblich an der Verwandlung von Geist in Materie. Gefühl ist das Bindeglied zwischen Materie und Geist; es wechselt zwischen ihnen hin und her und beeinflußt beide.“ (Pert 2007, S.288f)

Eine besondere Stellung kommt dabei laut Boyesen ja dem Darm zu. Auch hier findet man bei Pert (2007, S. 287) eine Bemerkung: „Um festzustellen, was dies in der Praxis bedeutet, wollen wir einen Augenblick zu unserm Ausgangsbeispiel, dem Darm zurückkehren. Die gesamte Auskleidung des Verdauungstraktes, von der Speiseröhre bis zum Dickdarm, einschließlich der sieben Schließmuskeln, besteht aus Zellen – Nervenzellen und anderen Zellen, die Neuropeptide und Rezeptoren enthalten. Ich halte es für durchaus möglich, dass die Rezeptorendichte im Darm dafür verantwortlich ist, dass wir unsere Gefühle in diesem Teil unserer Anatomie spüren, denken wir an Redeweisen wie die von den „Schmetterlingen im Bauch“.“

Ein anderer inzwischen sehr bekannter Forscher, Michael Gershon, hat nachgewiesen, dass der Darm eine Art zweites Gehirn ist. Boyesen, Bergholz (2007, S. 96): „Gerda Boyesen konnte einen stillen Triumph feiern, denn die Richtigkeit ihrer Thesen zur Psychoperistaltik fanden hier wissenschaftliche Fundamente. Das Bauchhirn als „Herrscher über ein Binnen-Universum des Menschen: die Schaltzentrale der Verdauungsmaschinerie, die nicht nur derbe Größen wie Nährstoffzusammensetzung, Salzgehalt und Wasseranteil analysiert und Absorbtions- und Ausscheidungsmechanismen koordiniert. Sie kontrolliert auch die raffinierten Gleichgewichte von hemmenden und erregenden Nervenbotenstoffen, stimulierenden Hormonen und schützenden Sekreten. … In diesem Zusammenhang konnten Forscher vor kurzem feststellen, dass weitaus mehr Nerven vom Bauch in das Hirn führen als umgekehrt. 90 Prozent der Verbindungen verlaufen von unten nach oben. Warum? Gershon: „Weil sie wichtiger sind als die von oben nach unten.“

Hier finden sich also die wissenschaftlichen Untermauerungen für die Annahmen von Gerda Boyesen: Die Flüssigkeitsebene im Körper als Träger der Lebensenergie (die elektrisch geladenen Botenstoffe) und der Darm als Regulator für Stress und Emotionen.

Persönliche Verbindung zum Thema Letztlich bietet Gerda Boyesen für mich das grundlegende Modell für die Körperpsychotherapie. Ein Gerüst, mit dem ich verstehe, was passiert, wenn übers Tanzen z.B. Erinnerungen kommen oder sich allmählich mehr Lebensfreude einstellt. Das Modell baut auf Reich auf, aber ich finde es spürbar, dass sie ihr eigenes Modell im Tun, im Erforschen der Reaktionen ihrer Klienten entwickelt hat. Das „Zwiebelsystem“ ist mir sehr sympathisch. Es ist auch lebensnah und organisch, denn für die meisten Menschen ist es wichtig, weiter „funktionieren“ zu können und da sind kleine, verkraftbare Veränderungen gut… Ich war z.B. entsetzt, als ich in der „Charakteranalyse“ (Reich, 1971) irgendwo gelesen habe, dass er Blockaden in der Kehle mit Würgereizen, die er mit seinen Fingern hervorruft, auflöst. Das Prinzip des Schmelzens von Boyesen kommt meinen Bedürfnissen sehr entgegen. Es ist nicht nötig über meine oder jemandes Grenzen zu gehen oder Gewalt anzuwenden. Die Weiterentwicklung von Gabriele Fischer, die es Menschen ermöglicht, selbst einen großen Teil der Körperarbeit zu machen und Schicht für Schicht die Lebensenergie wieder ins Fließen zu bringen, ist ein Angebot zur Selbstermächtigung in Vorsicht, Respekt und Liebe zu sich selbst.

 

Literatur

Boyesen, Gerda (1982) The Primary Personality, Journal of Biodynamic Psychology. No. 3, London

Boyesen, Gerda, Bergholz, Peter (2007) Dein Bauch ist klüger als du. Miko-Edition Verlag, Hamburg

Freudl, Peter (1980) Intern. Found. of Biod. Psych., What is Biodynamic Psychologie? Journal of Biodynamic Psychologie, No. 1, London

Pert, Candace B. (2007) Moleküle der Gefühle – Körper, Geist und Emotionen. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek

Reich, Wilhelm (2006) Charakteranalyse. Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln

 

Somatische Marker

Somatische Marker

Die enge Verbindung zwischen Körper und Psyche ist durch Forschungsergebnisse belegt. Ein Beispiel sind Forschungen des Neurologen Antonio Damasio. Damasio hat mit seinen Forschungen belegt, dass Vernunft und Körper keinen getrennten Systeme sind, sondern eng zusammenhängen. Er weist nach, dass sogenannte „rationale Entscheidungen“ auf Körperwahrnehmungen beruhen. Er nennt diese den Entscheidungen zugrundeliegenden Körperempfindungen „somatische Marker“.

Phineas Gage

Damasio begann sich durch den historisch überlieferten Fall von Phineas Gage für Entscheidungsprozesse zu interessieren. Gage war Vorarbeiter bei einer Eisenbahngesellschaft und hatte bei einer Sprengung beim Schienenbau einen schweren Unfall: Ihm wurde eine schwere Eisenstange durch den Kopf geschossen. Das besondere: Er wirkte hinterher unversehrt. Er war bei Bewusstsein, seine Wahrnehmung, das Gedächtnis, Intelligenz, Sprache, Motorik waren intakt. Erst mit der Zeit stellte sich heraus, dass seine Persönlichkeit sich total verändert hatte. Vorher war er allerseits beliebt und geachtet, war verantwortungsbewusst, besonnen, ausgeglichen, freundlich. Hinterher war er ungeduldig, launisch, wankelmütig, respektlos. Er konnte keine Arbeitsstelle mehr halten und es folgte ein sozialer Abstieg. Er konnte keine für sich selbst günstigen Entscheidung mehr fällen und nicht langfristig zielorientiert handeln.

Der präfrontale Cortex

Es stellte sich heraus, dass bei Gage der präfrontale Cortex zerstört wurde. Damasio fand heraus, dass auch andere Patienten mit Schädigungen diesen Gehirnbereiches die gleichen persönlichen und sozialen Schwierigkeiten haben.

Bei der Forschung stellte sich folgende Funktion des präfrontalen Cortexes heraus: Er organisiert Erfahrungswissen, hat die Aufmerksamkeitskontrolle und plant Handlungen: Er ist jederzeit über die Empfindungen/ Körperwahrnehmungen und durch das limbische System über die momentan aktuellen Gefühle informiert. Der präfrontale Cortex kombiniert Erlebnisse mit den dazugehörigen Körpergefühlen und kann so diesen Erlebnissen eine Wertung wie z.B. lustvoll/ schmerzhaft/ gefährlich/ ungefährlich geben. Er kann die aktuellen Wahrnehmungen und Gefühle mit vorangegangen Situationen abgleichen und entscheiden, was wichtig ist und der Aufmerksamkeit bedarf und wann Handeln angesagt ist. z.B.: „Als meine Mutter das letzte Mal so komisch geguckt hat, war sie danach mehrere Wochen sauer auf mich, davor habe ich Angst, also besser überlegen, wie ich das abwenden kann… „

Es konnte auch nachgewiesen werden, dass die selben sozialen Schwierigkeiten und Probleme sinnvolle Entscheidungen zu treffen auftreten, wenn „nur“ somatosensible Rindenfelder (der Teil vom Gehirn, der Körperzustände wahrnimmt) zerstört wurden.

Die Hypothese der somatischen Marker – der Intuition auf der Spur

Damasio folgert daraus, dass gute persönliche und soziale Entscheidungen aufgrund von Körpersignalen (bewusst oder unbewusst) gefällt werden. Das „rationale Gehirn“ (der Neocortex) sitzt nicht einfach auf den alten für u.a. Reflexe und Gefühle zuständigen Gehirnteilen, sondern ist eng mit ihnen vernetzt und nutzt ihre Informationen. Gefühle markieren Wichtigkeit. Aufmerksamkeit bekommen nur persönlich wichtige Reize. Wichtig für das Zurechtkommen in sozialen Zusammenhängen ist z.B. Angst ein Warnsignal. „Wenn ich nicht rechtzeitig aufstehe und zu spät komme, bekomme ich Ärger, schäme mich und verliere langfristig gesehen vielleicht sogar meinen Job.“

Ausblick auf die Praxis: Die somatischen Marker als Berater bei inneren Konflikten

Bei Entscheidungsprozessen ist es häufig so, dass innere Konflikte eine Entscheidung schwer machen. z.B. Soll ich kündigen und eine neue Arbeit annehmen? Hier kann manchmal keine Kosten-Nutzenanalyse helfen. Hier wird oft berichtet: „Ich bin froh, dass ich meinem Bauchgefühl gefolgt bin.“ Häufig muss man verschieden Körpergefühle miteinander abgleichen: Der Ärger über den Chef, die Angst vor der ungewissen neuen Situation, der Ehemann macht Druck, nicht immer zu jammern ohne zu Handeln, der Vorteil, nah an den Kindern zu sein… Das Durchleben all dieser im Körper verankerten Empfindungen verhilft häufig plötzlich zu dem Aha-Erlebnis: So mache ich es und das ist richtig so. So können somatische Marker bei der Entscheidungsfindung helfen. Genutzt wird dieser Effekt bewusst z.B. beim Focusing, einer therapeutischen Gesprächstherapiemethode nach Gendlin.

Literatur

Antonio R. Damasio: “Descartes Irrtum – Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn”, Deutscher Taschenbuchverlag 1997

 

 

Achtsamkeit

Wirksamkeitss 1 011Wirksamkeitss 1 043Wirksamkeitss 1 046

Den Körper spüren, wie er ist, den Atem spüren, den Kontakt zum Boden spüren. Ich muss sagen, dass meine Begeisterung ganz am Anfang, als ich vor 30 Jahren mit körperorientierten Methoden die ersten Erfahrungen machte, nicht so groß war. Ich fand es eher lästig und anstrengend. Wollte lieber bei wilden Tanzbewegungen oder heftigen Yogaübungen „etwa erleben“. Heute bin ich durch meine langjährige Erfahrung „bekehrt“. Meine Tochter macht sich schon über mich lustig, weil ich „Körper spüren“ als Allheilmittel einsetze und empfehle.

Das kommt daher, dass ich gelernt habe, dass in den bewusst gemachten Körperempfindungen die Möglichkeit liegt, Zugang zum psychosomatischen Netzwerk bekommen. Überall ist von „psychosomatisch“ oder „auf das Bauchgefühl“ hören die Rede. Meist wird so diffus davon gesprochen, aber nicht wirklich gesagt, wie es funktioniert. Meine Erfahrung ist: Auf den Körper hören ist ganz einfach und konkret möglich. Ich war bei meinen Erfahrungen damit überrascht, wie wortwörtlich diese volkstümlichen Weisheiten wie „der eigenen Stimme folgen, mit beiden Beinen fest im Leben stehen, zur eigenen Mitte finden“ stimmen. Sie können fast als eine Gebrauchsanweisung durchgehen. Allerdings ist die Sprache des Körpers die Empfindung und die Bewegung. Für viele bedeutet es, diese Sprache (wieder) zu aktivieren wie eine lang brachliegende Fremdsprache, obwohl sie eigentlich die Muttersprache ist… Dieses Zuhören ist am Anfang in der Tat oft etwas ungewohnt, vielleicht auch mühsam, bei großem inneren Stress oft auch mit dem Spüren von schmerzhaften Blockaden verbunden. Lasse ich das Spüren aber weg und gehe gleich in die heftige Bewegung, kann es sein, dass die innere Unruhe bleibt, weil gar kein wirklicher innerer Kontakt hergestellt wurde. Es ist eben auch möglich, sich an der Blockade „vorbeizubewegen“. Es gibt jedoch kein richtig oder falsch. Menschen sind eben verschieden und manche können über Bewegungen besser ins Spüren gehen. Auch für mich ist es an manchen Tagen besser, direkt über die Bewegung zu beginnen. Oft braucht es dafür aber Zeit und Ruhe. Für mich ist es, als würde ich über das Spüren meines Körpers und meines Atems an die Schnittstelle kommen, wo ich echt bin. Da geht ein Tor zu mir selbst auf.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten: Ich gehe über ein Unwohlsein in meinen Körper, spüre dort eine Spannung im Bauch, ich höre mir an, was sie bedeutet und erfahre z.B., dass mir eine bestimmte Situation Angst macht. So kann ich in dieser Verbindung gut für mich sorgen, nach Lösungen suchen. Dieses Wissen hat man interessanterweise in seinem Alltagsbewusstsein oft nicht. Der Verstand findet Angst vielleicht unnötig oder sogar lächerlich und entscheidet sich dafür, dass die Angst „nicht sein darf“. Die Angst hat dann keine Wahl und geht in den „Untergrund“: In Form einer körperlichen Blockade. Der Körper speichert die Angstinformation, bis „jemand“ sie hören will…

Oder aber ich spüre, was sich wie bewegen will. Denn Spannungen oder auch Blockaden sind gestockte Lebensenergie, die selbst weiß, wie sie sich weiterbewegen will. Diese Art sich zu bewegen ist eher ein Zuhören, ein Zulassen der Bewegung, sie entsteht wie von selbst. Dann ist für mich auch im wildesten Tanz eine ganz enge Verbindung zu mir selbst da.

Mal fern vom Körperspüren ist Achtsamkeit natürlich über all die anderen Sinne auch möglich. Z.B. das Sehen oder meditative Zeichnen. Oder Nichts-Tun: Ist natürlich nicht so schick wie Achtsamkeit. Aber wer hat das noch nicht erlebt – Noch entspannt vom Mittagsschlaf mit dem Kaffee einfach dasitzen: Aus dem Fenster gucken, die Lichtstrahlen brechen sich in der Vase, die Vögel zwitschern. Ich finde, es lohnt sich „Werbung“ zu machen für das einfache Sein. Eine Welt fern von Effektivität und dem Gefühl immer etwas tun oder erreichen zu müssen. Diese Welt, in der ich einfach nur da bin, ist wertvoll, weil es schön ist, in ihr zu sein…